6. Hürde für Bewegungen: Totale Protonenumkehr

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Wer sich fragt, ob er auf dem falschen Blog gelandet ist: Keine Sorge, am Ende dieses Posts wird klar sein, was das mit Bewegungen zu tun hat. Ein bisschen Spaß muss sein.

Wer sich echte Bewegungen wünscht, wird schnell erkennen, dass das nur über Multiplikation läuft. Die Gründung von neuen Gemeinden, ganz egal welcher Form, freut mich zwar immer, denn eigentlich erreicht jede Gründung immer Menschen, die vorher von den bestehenden Gemeinden nicht angesprochen wurden.
Die reine Addition von neuen Gemeinden allerdings wird unsere Gesellschaft zu wenig durchdringen, da sie nicht schnell genug geschieht. Warum?

Die Gründung von neuen Gemeinden benötigt aktuell zu hohe Ressourcen: Sowohl finanziell als auch durch hoch qualifizierte Leiter oder Leiterinnen (von letzteren sehe ich bisher leider viel zu wenig), die die Gründung leiten. Meist sind es Absolventen von Bibelschulen oder theologischen Ausbildungsstätten, die eine Gemeinde gründen, also über einen langen Zeitraum ausgebildete und hochqualifizierte Leute.
Dann wird ein Kernteam aufgebaut, dann eine Band aufgebaut, ein Versammlungsort für meist teures Geld gemietet und ein Gottesdienst gestartet.

Bevor mich jemand falsch versteht: Ich bin nicht per se gegen solche neuen Gründungen. Ich habe hochbegabte Freunde, ehemalige Studienkollegen und Bekannte, die ich sehr respektiere, die solche Gemeinden gegründet haben bzw. aktuell gründen. Und viele von diesen Gemeinden erreichen Menschen für Jesus. Großartig! Mehr davon, viel mehr davon. Aber wirklich viel mehr davon gibt es nicht. Warum? Einfach weil solche Gründungen hohe Ressourcen benötigen: Hochqualifizierte Leitungspersonen und eine ganze Stange Geld.

Multiplikation passiert, aber im Normalfall eben recht langsam.
Damit Multiplikation schneller geschieht, muss Gemeinde einfacher sein.
Nathan Shank, der in Asien zusammen mit Jeff Sundell gearbeitet hat, stellte sich, als er zurück in den USA war, die Frage, ob man dort Gemeinden zum einen mit Nichtchristen starten kann und mit einem 0 $ Budget.

Warum? Weil eben nur so schnelle Multiplikation geschehen kann.

Zum Vergleich: Jeff Sundell berichtet davon, dass ihre Arbeit in Nepal innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren gewachsen ist, aber eben sehr unterschiedlich schnell: Innerhalb von existierenden Gemeindestrukturen entstanden ausgehend von anfangs 27 Gemeinden nach sechs Jahren 100 weitere Gemeinden. Ein starker Erfolg, keine Frage.
Im selben Zeitraum allerdings entstanden außerhalb klassischer Gemeindeformen 58.000 neue Gemeinden (vorher Null solcher Gemeinden).

Worauf war in der Arbeit zu achten? Ganz einfach: Dass sich die unterschiedlichen Stränge, die außerhalb klassischer Strukturen abliefen, nicht mit den klassischen Gemeinden kreuzten. Denn dann verlangsamte sich die Multiplikation deutlich.
Von Jeff hörte ich in diesem Zusammenhang die Aussage: „Don’t cross the streams“, eine Erinnerung an den ersten Ghostbusters Film, auf deutsch: „Ihr dürft nie die Laserströme kreuzen!“ Was würde passieren, wenn sich die Laserströme kreuzten? Seht selbst:

Da ist sie, die totale Protonenumkehr.
Okay, genug mit dem nerdigen Humor, aber egal, wie wir es nennen, bleibt das weitverbreitete Gemeindeverständnis ein großes Problem:

In unseren Köpfen und vor allem in den Köpfen derer, die wir erreichen wollen, gibt es ein mehr oder minder klar ausgeprägtes Bild von Gemeinde:
Ein öffentliches Gebäude, meist mit Kirchturm, manchmal ohne, mit regelmäßigen Gottesdiensten, mit einem angestellten Pastor oder einer Pastorin. Eine Kirche, etabliertes, offizielles Christentum eben.

Nicht umsonst nennen sich viele neue Gründungen nicht mehr evangelische Freikirche, auch wenn sie eine sind, weil das schnell ein Geschmäckle von Sekte hat. Man nennt sich lieber „eine evangelische Kirche“.
Wenn nun aber schon die neuen Gründungen dieses Problem haben, wie sieht es dann mit einfacheren Formen von Gemeinden aus?
Wenn Gemeinde wirklich Gemeinde sein soll, sich aber zu Hause trifft, also ohne öffentlichen „sakralen“ Raum, ohne Kirchturm und ohne öffentlichen Gottesdienste?

Dann werden wir zumindest in der Mitte unserer Gesellschaft schnell vor Hürden in den Köpfen der Menschen kommen: Wo bin ich hier reingeraten? Ist das wirklich koscher? Gerate ich hier in die Hände einer Sekte?
Da ist eine lutherische Kirche mit Kirchturm schon sicherer.

Und leider ist das „Kreuzt nicht die Laserströme“ in der Praxis gar nicht so einfach. Selbst wenn wir Menschen über die persönliche Schiene erreichen, haben wir oft das Problem, dass sich in ihrem persönlichen Umfeld keine stabile Hausgemeinde etablieren lässt. Und so ist die Sogwirkung klassischer Gemeinden noch stärker als ohnehin schon.
Aus eigener Gründungserfahrung weiß ich, das Frischgetaufte schnell „eliminiert“ werden und so die Multiplikation auf der Jüngerebene bestenfalls ins Stocken gerät, wenn nicht komplett aufhört.

Grund zur Hoffnung habe ich bei diesem Punkt in kleineren Subkulturen oder am Rand der Gesellschaft, gerade dort, wo die Skepsis gegenüber etablierten Kirchen sehr ausgeprägt ist oder aber die Leute ohnehin eine große Herausforderung in klassischen gutbürgerlichen Gemeinden wären.

 

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