Evangelisation Explosiv – ein weiteres Tool, dass das sogenannte Evangelium erklären will.

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2. Evangelisation Explosiv

Nach der Brücke im letzten Post geht es heute um ein Tool, das 1962 in den USA entwickelt wurde.
Das schreibe ich, damit wir im Blick haben, dass diese Art, das Evangelium weiterzugeben, aus einer bestimmten Zeit stammt und das nicht schon immer so war. Wir sind einfach geprägt von einer gewissen (m.E. sehr eingeschränkten) Sichtweise des Evangeliums.

besaved

Quelle: Wesley Fryer, cc

Evangelisation Explosiv oder kurz “EE” wurde von dem amerikanischen Pastor D. James Kennedy entwickelt (engl. Evangelism Explosion).

Es ist ein mehrwöchiges Training, das Christen ausrüsten soll, evangelistisch effektiv zu sein. Wer es genauer wissen will, der kann hier gern einmal nachschauen.

Ich habe selbst mal ein EE Training mitgemacht, inkl. der Übungseinsätze mit einem, der EE vorher schon kannte. (Den Ansatz, hinauszugehen und zu üben, finde ich gut, denn so lernt man am meisten, aber darum geht es ja hier nicht.)

Ein evangelistisches Gespräch mit EE besteht aus zwei Teilen: Der Diagnose-Umfrage und dem Leitfaden, der ähnlich wie die Brücke die “typischen” Elemente behandelt: Der Mensch ist Sünder, Sünde trennt von Gott, wir werden nicht durch gute Taten nach dem Tod in den Himmel kommen, Jesus starb für unsere Schuld, wir müssen unsere Schuld bekennen und umkehren und so Kind Gottes werden.

Während der Leitfaden gegenüber der Brücke inhaltlich nicht wirklich etwas anders kommuniziert (nur deutlich länger und komplizierter), offenbart sich der m.E. reduzierte Evangeliumsbegriff schon in den sogenannten Diagnosefragen ganz am Anfang der Umfrage:

Zwei dieser Fragen sind, meine Übersetzung (in Klammern das englische Original):

Die meisten Menschen denken, dass eine Kirche Menschen helfen sollte, ewiges Leben zu entdecken, also wie man in den Himmel kommt, würdest du zustimmen?
(Most people think that one of the things a church should do is help people discover eternal life – that is, how to get to heaven, do you agree?)

Stell dir vor, du stirbst heute und stehst vor Gott, und dieser fragt dich: “Warum sollte ich dich in meinen Himmel lassen?” – was würdest du antworten?
(Suppose you were to die today and stand before God and He were to ask you “Why should i let you into my heaven?” – what would you say?)

Die erste Frage zeigt deutlich, was EE unter Ewigem Leben versteht, nämlich das Leben nach dem Tod im Himmel. Und das obwohl Jesus etwas ganz anderes sagte:

Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Joh 17,3 (rev. Elberfelder Übersetzung)

Die Gleichung “Ewiges Leben = Leben nach dem Tod” ist einfach theologischer Unfug.

Jesus betont deutlich, dass ewiges Leben bedeutet, ihn und den Vater zu kennen.

Aber unabhängig davon wird auch hier “das Evangelium” wieder als etwas angesehen, dass Nichtchristen zeigt, wie schuldig sie letztlich vor Gott sind, um ihnen dann die Option zu erklären, wie sie wieder mit Gott versöhnt sein können.

Wenn wir tatsächlich diese Definition des Evangeliums für richtig halten (und ich tue dies ganz bestimmt nicht) wäre das Evangelium eigentlich nur für Nichtchristen interessant, denn die Christen haben diese Option ja schon “gezogen”.

Ich erinnere mich noch genau an ein Gemeindepraktikum, das ich während meines Theologiestudiums gemacht habe: Der wirklich missionarisch motivierte Pastor erklärte mir, dass er in jeder seiner Predigten irgendwo “das Evangelium” einbauen würde, damit Nichtchristen die Chance hätten, sich für Jesus zu entscheiden. Tatsächlich passierte es dann in Gottesdiensten auch, dass er während seiner Predigt irgendwann sinngemäß sagte: “Was ich jetzt sage, ist nicht so interessant für die Christen hier, sie haben sich schon für ein Leben mit Jesus entschieden, aber wer diese Entscheidung noch nicht getroffen hat, für den sind die folgenden Gedanken sehr wichtig.” Und es folgte eine klassische Evangeliumspräsentation (im Sinne der Brücke, EE oder der vier geistlichen Gesetze).

Wenn “das Evangelium” also etwas ist, das eigentlich nur für Nichtchristen interessant ist (und nach weit verbreitetem Verständnis ist es das), dann möchte ich fragen, wieso dann Paulus zu den Christen in Rom schreibt :

So liegt mir alles daran, auch euch in Rom das Evangelium zu verkündigen. Römer 1,15 (Einheitsübersetzung)

Wenn das Evangelium tatsächlich das sein sollte, was die Brücke oder EE veranschaulichen wollen, dann würde dies reichlich uninteressant für die Christen in Rom gewesen sein.

Ihr merkt schon, dass ich so gar nicht einverstanden bin mit “diesem Evangelium”. Und wer sich noch fragt, warum ich regelmäßig Anführungszeichen benutze, wenn ich von “dem Evangelium” spreche: Das liegt einfach daran, dass ich nicht glaube, dass das, was üblicherweise gemeint ist, wirklich das Evangelium ist, aber dazu kommen wir noch genauer.

Ich möchte für’s erste nur einladen, kritisch über diese Tools, aber vor allem über das eigene Verständnis des Evangeliums nachzudenken.

Dass EE neben diesen theologischen Bedenken heutzutage auch rein formal ein Problem hat, zeigt dieser Artikel:
EE wird als zu konfrontativ wahrgenommen, es beantwortet nicht mehr die Fragen der Leute von heute, es ist sehr kompliziert etc.

Die englische Wikipedia-Seite hat auch diesen Hinweis:

In a study done among non-Christian Thai people, all of them spoke negatively about the witnessing approach of EE. One respondent said, I would be upset. It is ridiculous and strange. I do not know who will die first, the interrogator or me. I would simply walk away. I do not want anyone to talk about death. It is a depressive issue. (Wikipedia)

Sinngemäß zusammengefasst: Eine Studie unter thailändischen Nichtchristen ergab, dass diese EE negativ aufnahmen: “Ich würde weiter gehen, ich möchte nicht über den Tod reden, es macht mich depressiv”

Ich füge dies hier ein, um zu zeigen, dass ich nicht nur theologisch Bauchschmerzen mit der Engführung des Evangeliumsbegriffs habe, sondern auch einfach in Frage stelle, ob diese Nachricht heutzutage wirklich noch “gute Botschaft” ist.

PS: Wen es interessiert: Eine Gemeinde in Österreich hat ihre EE-Umfrageergebnisse veröffentlicht.

Im nächsten Teil der Reihe werde ich mich mit den vier geistlichen Gesetzen beschäftigen.

Kommentare
  1. Posted by Ede

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