Die mir am meisten gestellte Frage zu Gemeindegründungsbewegungen in Deutschland, meine 3 Antworten und 4 Phasen

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Da sie mir gestern wieder von einem Leiter hier in Hamburg gestellt wurde und ich diese Frage immer wieder höre, dachte ich, beantworte ich sie doch auch einmal hier.

Die Frage lautet mehr oder minder immer so:

Ich glaube ja, dass es solche Bewegungen in Indien, China, Afrika, Asien oder sonst wo gibt, aber bisher habe ich in Deutschland noch nichts gesehen, das funktioniert, kann so etwas überhaupt hier in Deutschland funktionieren?

Die Frage ist in Anbetracht des aktuellen Standess total verständlich und ich habe auch gar kein Problem mit ihr, ich habe auch drei Antworten auf sie, zum Schluss habe ich aber immer auch eine Frage, von der ich überzeugt bin, dass wir sie viel eher stellen sollten, aber zunächst meine drei Antworten:

In Kurzform:

  • Ja
  • Es ist noch zu früh
  • Ich weiß es nicht

Der Reihe nach:

Meine erste Antwort ist: Ja, es funktioniert hier in Deutschland. Ich sehe sehr ermutigende Dinge in Deutschland. Ein befreundeter Gemeindegründer hier in Hamburg, der ähnlich unterwegs ist wie wir hier, ging mit seiner Frau regelmäßig in einen Stadtteil, um zu beten und mit Menschen in Kontakt zu kommen. Etwa 1 1/2 Jahre haben sie das gemacht, ohne sichtbare Frucht zu erkennen. Dann Ende letzten Jahres trafen sie unabhängig voneinander auf zwei unterschiedliche Schlüsselpersonen und sie erlebten, wie innerhalb von 6 Wochen sich Person nach Person, Familie nach Familie, zu Jesus bekehrten. Leute kamen zu einem Treffen in der Wohnung einer Familie und sagten: “Könnt ihr das auch bei uns machen?”
Inzwischen ist das Ganze noch weiter gegangen und weitere Menschen kamen zum Glauben. Ist das alles total geordnet? Nein, das ist oft noch sehr chaotisch, Menschen stecken in ernsthaften Problem und brauchen Hilfe, aber es ist für mich ein großes Hoffnungssignal und ich bin dankbar, dass ich dieses Ehepaar kennen darf.

Eine andere Story ist von einem Kollegen von mir (in der DIM): In einer kleinen Stadt baute er eine Beziehung zu einer größeren Familie auf (mit katholischem Hintergrund) und begann mit ihr ein EBS (Entdecker-Bibel-Studien, nach dem Vorbild von David Watson). Vor ein paar Monaten durfte er dann einen Großteil der Familie, 7 Leute, in seiner Badewanne taufen. Auch dies ist ermutigend.

Sehen wir schon die zweite, dritte oder gar vierte Generation von Jüngern, Leitern oder Gemeinden? Nein, aber damit komme ich zu meiner zweiten Antwort:

Es ist noch zu früh, die Frage zu beantworten. Als ich 2004 das erste Mal Neil Cole nach Deutschland einlud, er das Greenhouse Training bei uns machte und wir Anfang 2005 ausgesandt wurden, um zu versuchen, organisch Gemeinde zu gründen, da hatte kaum jemand in Deutschland Ahnung davon, wie das geht. Wir eingeschlossen. Die wenigsten Leute hatten jemals von so etwas wie einer Gemeindegründungsbewegung gehört.
Die ersten drei Jahre haben wir viel ausprobiert, viele Erfahrungen gesammelt, aber in den ersten drei Jahren hat sich niemand in unserem Umfeld für ein Leben mit Jesus entschieden. Natürlich war frustrierend, mehr als das. Das änderte sich anschließend und wir durften coole Sachen erleben, aber auch da haben wir noch Fehler gemacht, über die ich immer noch traurig bin, aber wir wussten es einfach nicht besser und so viele Leute, die ähnlich unterwegs waren, gab es in Deutschland einfach noch nicht (oder wir kannten sie nicht, aber inzwischen meine ich, einen groben Überblick zu haben, was in unserem Land passiert).

Nach einigen Jahren fingen noch andere an, Interesse an dem Thema zu haben und die zweite Phase begann.

Die erste Phase würde ich mit “Begeisterung, aber wenig Ahnung” bezeichnen, die zweite Phase bezeichne ich als “Wir lernen von den konkreten Erfahrungen in anderen Ländern“. 2008 lud z.B. die Deutsche Inland Mission David Watson, der abgefahrene Erfahrungen in Indien gemacht hatte und inzwischen vor allem in Afrika viele CPMs begleitet, nach Deutschland zu einem Seminar ein. 2010 kam David mit seinem Sohn ein zweites Mal nach Deutschland. Wir lernten wichtige Dinge von ihm, hatten auf einmal ein paar konkrete Werkzeuge, die man anwenden konnte (wie das EBS). Hätte ich diese Dinge zwei Jahre vorher gewusst, hätte ich vermutlich einige blöde Fehler nicht gemacht.

Inzwischen ist auch das T4T Buch von Ying Kai und Steve Smith erschienen, zunächst auf englisch, dann auch auf deutsch, und Ying Kai kam im Februar nach Deutschland. Auch von Ying und durch das Buch auch von Steve haben viele Leute wichtige Impulse bekommen.

Viele Pioniere nehmen diese Sachen und lernen davon, versuchen sie hier in Deutschland umzusetzen, kontextualisieren sie, da wir merken: Das sind zwar super Impulse, aber unser Bauchgefühl sagt uns, dass das so nicht 1:1 in Deutschland umzusetzen ist. Und damit sind wir in der dritten Phase, in der wir uns aktuell befinden: “Wir kontextualisieren das Gelernte”.

Dieser Prozess dauert an: Wir bleiben nah an Gott dran, lernen soviel wir können, probieren Dinge aus, tweaken Dinge hier und da, machen uns wieder Gedanken, werten aus und lernen in diesem Prozess zwingend Notwendiges. Meine Hoffnung und Erwartung ist, dass wir in diesem Prozess Wege finden, wie wir Bewegungen in Deutschland initiieren können. Bewegungen von Jüngern, die andere zu Jüngern machen, in denen Leiter und Gemeinden sich multiplizieren.

Haben wir diese Wege  (Ich rede hier bewusst von Wegen im Plural, da ich glaube, dass es unterschiedliche Ansätze geben wird) schon gefunden? Nein, leider noch nicht, aber dafür ist es noch zu früh. Wir sind noch nicht lange in dieser zweiten und dritten Phase, ich glaube aber, dass wir Wege entdecken und dann zur vierten Phase kommen werden: “Auf bewährten Wegen in Richtung Bewegung gehen” .

Meine letzte Antwort ist dann noch:

Ich weiß es nicht.
Was meine ich damit? Mehrere Dinge:
Zum einen sind beide ermutigende Beispiele, die ich am Anfang nannte, zwar in Deutschland, aber nicht unter Deutschen passiert: Es waren Italiener, Kroaten oder Bulgaren, die kürzer oder schon länger in Deutschland leben, aber es sind alles Leute, die eben keine “klassischen” Deutschen sind.
Und natürlich nehme ich wahr, dass die natürlichen Oikos-Strukturen in anderen Kulturen viel ausgeprägter sind als in unserer veralleinsamten deutschen Kultur. Hier haben ich manchmal den Eindruck, dass wir nicht Personen des Friedens suchen müssen, sondern Personen des Friedens für eine Gruppe von Leuten werden müssen, aber das wäre mal ein anderer Blogartikel.
In meiner Zeit in Essen haben wir sehr ermutigende Anfänge auch unter Deutschen erlebt, aber hier fielen zwei Unterschiede zum Durchschnittdeutschen (wenn es den überhaupt gibt) auf: Zum einen hatte diese Gruppe ein ungewöhnlich ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, sie nannten ihre Gemeinschaft von unterschiedlichen Leuten sogar “Family”, was letztlich ja das griechische Oikos auch genau meint. Und das zweite hohe Gut, das sie hatten, war dadurch ausgelöst, dass es viele Arbeitslose waren: Sie hatten Zeit. Zeit, um wirklich Gemeinschaft zu leben.

Wenn ich mir dann Deutschland anschaue, dann sehe ich beides nicht: Weder ausgeprägte Family (Oikos) – Strukturen noch Leute mit viel Zeit.
Ich erlebe es ja selbst mit Freunden: Es ist gar nicht so leicht, einen Termin zu finden, an dem man sich mal zu nem Kaffee oder ner Apfelschorle treffen kann. Unser Leben ist oft so busy, dass wir kaum noch Zeit finden, Gemeinschaft zu pflegen.
Und von daher ist meine Antwort: Ich weiß es nicht genau, ob sowas auch in Deutschland funktionieren kann. Da bin ich ganz ehrlich. Ich habe Ideen, ich habe Ansatzgedanken, aber ich habe noch keinen Weg.

Was meine ich noch damit?
Wissen wir, dass wir Bewegungen in Deutschland sehen werden, dass wir bewährte Wege  dahin finden werden? Nein.Weiß ich 100%ig, dass ich während meiner Lebenszeit, solche massiven Bewegungen, wie sie z.B. in Indien, Afrika oder China passieren, auch in Deutschland erleben werde? Nein, aber ich weiß, dass es meine Lebensberufung ist, mich dafür mit meinen Gaben einzusetzen und alles zu geben, damit wir dies erleben können.

Und genau das bringt mich zu meiner Rückfrage, die ich meinem Gegenüber gern zum Schluss stelle:

Wenn wir alles auf Null setzen könnten, was unser Leben mit Jesus und unsere Erfahrung mit Gemeinde angeht: Würden wir dann den Auftrag Jesu, in die Welt zu gehen, das Evangelium zu verkünden und Menschen zu Jüngern zu machen, noch genauso angehen, wie wir es jetzt machen oder glauben wir nicht insgeheim doch, dass es effektivere Wege dahin gibt?

Und damit will ich für heute schließen.

Feedback more than welcome.

Viele Segensgrüße aus dem sonnigen Hamburg!

Kommentare
  1. Posted by regine

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