Wie unsere Vorstellungen von der Souveränität Gottes und seinem Willen uns oft im Weg stehen

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Typischerweise gehen wir die Sache so an: Gott ist allmächtig und allwissend.

Sprich: Gott kann alles und er weiß alles, er weiß, was wie und wann passiert.

Und da er alles kann, kann er Dinge auch verändern – wenn er möchte. Wir folgern in der Regel daraus: Wenn etwas geschieht, dann muss es auch Gottes souveräner Wille gewesen sein. Denn sonst hätte Gott es ja verhindert oder geändert.

So kommen wir dann zu solchen Aussagen wie: “Wir haben um Heilung für XY gebetet. Wenn Gott Heilung gewollt hätte, dann hätte Gott XY doch geheilt. Da XY aber nicht gesund geworden ist, können wir daraus schlussfolgern, dass Gott die Heilung nicht gewollt hat.“

In solchen Argumentationen sehe ich das Grundproblem, dass theologische Konzepte wie Gottes Allmacht oder seine Allwissenheit, die wir zu Beginn vielleicht noch aus der Bibel gezogen haben, sich nach einer Zeit in unseren Köpfen verselbständigen und sich als theologische Konzepte über das Wort Gottes stellen. Und mit dem letzten Ausdruck meine ich sowohl die Bibel, wie wir sie haben, als auch Jesus selbst als fleischgewordenes Wort (vgl. Joh 1).

Jesus sagt: Ihr fragt “Zeigt mir den Vater?” Wenn ihr den Sohn gesehen habt, dann habt ihr den Vater gesehen.

Daher soll mein Bild von Gott nicht durch meine Erfahrungen und meine Schlussfolgerungen daraus geprägt werden, sondern einzig allein durch Jesus.

Die Heilungsgeschichte aus Matthäus 17 widerlegt meines Erachtens die klassische Ansicht von der Souveränität Gottes recht schnell:

Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu ihm, fiel ihm zu Füßen  und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser;  und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen. Jesus aber antwortete und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch erdulden? Bringt ihn mir her!  Und Jesus bedrohte ihn; und der böse Geist fuhr aus von ihm und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde. Matthäus 17,14-18 (LUT)

Nehmen wir einmal an, dass uns aus der Geschichte nur die Erfahrung der Jünger überliefert worden wäre, dann würden wir nur folgendes wissen:

Ein Vater hatte einen mondsüchtigen Jungen. Oft fiel er ins Feuer oder ins Wasser. Dieser Vater brachten seinen Sohn zu den Jüngern Jesu, aber diese konnten ihn nicht heilen. (der Inhalt aus Vers 15b und 16).

Zu welcher Schlussfolgerung würden wir typischerweise kommen, wenn uns nur dieser Teil überliefert worden wäre?

Ganz einfach: Da Jesus in Matthäus 10,1 seinen Jüngern Vollmacht dazu gab, unreine Geister auszutreiben und jede Krankheit zu heilen, die Jünger Jesu in dieser konkreten Situation den Jungen aber nicht heilen konnten, konnte es in diesem Fall nicht der Wille Gottes gewesen sein, den Jungen zu heilen.

Ist es nicht so? Genau das wäre unsere Schlussfolgerung. Und genau das ist heute landläufig unsere Schlussfolgerung, wenn wir für Heilung beten, aber die Kranken nicht geheilt werden!

Aber Gott sei Dank ist uns nicht nur die Seite der Jünger überliefert, sondern auch der Teil, in dem der Vater zu Jesus mit seinem Anliegen kommt.

Wie reagiert Jesus auf die Worte des Vaters?

Jesus aber antwortete und sprach: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her! Und Jesus bedrohte ihn, und der Dämon fuhr von ihm aus; und von jener Stunde an war der Junge geheilt. Mat 17, 17-18

Mit der ganzen Geschichte im Blick jetzt folgenden Fragen:

  • War es der Wille Gottes, den Sohn des Vaters zu heilen? Absolut! Jesus heilt ihn ja schließlich.
  • Wurde der mondsüchtige Sohn von den Jüngern geheilt? Nein.
  • War es dennoch der Wille Gottes, den Sohn zu heilen? Auf jeden Fall.
  • Wäre der Wille Gottes geschehen, wenn der Vater sich mit dem Ergebnis des Heilungsversuchs der Jünger abgefunden hätte? Absolut NICHT!
  • Lesen wir irgendwo, dass Jesus zu den Jüngern sagt: “Ah, macht euch keinen Kopf, so etwas könnt ihr auch gar nicht heilen, so etwas ist Chefsache! Deshalb lasst mich nur mal ran.“?
    Nein, natürlich nicht. Er schilt eher seine Jünger bzgl. ihres Unglaubens.

An dieser Stelle kurz zu der Frage, wen Jesus am Anfang mit „Ungläubiges Geschlecht“ adressiert:

Auch wenn der Text es nicht explizit sagt, ergibt es für mich keinen Sinn, dass Jesus den Vater meinte. Denn der vorhandene oder auch nicht vorhandene Glaube des Vaters interessiert Jesus keinen Deut, schließlich heilt er im Anschluss den Sohn des Vaters, völlig unabhängig von einem evtl. vorhandenen Glauben. Irgendeine Form von Glauben musste der Vater auch gehabt haben, sonst wäre er ja mit seinem Sohn nicht zuerst zu den Jüngern und dann im Anschluss direkt zu Jesus gekommen.

Nein, für mich macht es nur Sinn, dass die Aussage an die Jünger gerichtet ist. Schließlich hatte Jesus ihnen die Vollmacht gegeben, Kranke zu heilen, und sie hätten den Sohn eigentlich heilen können müssen. Ein weiteres Indiz dafür, dass Jesus seine Jünger mit dem Ausruf meinte, ist das folgende Gespräch Jesu mit seinen Jüngern:

Die Jünger verstehen nicht, warum sie den Sohn nicht heilen konnten und fragen Jesus:

Da traten die Jünger für sich allein zu Jesus und sprachen:Warum haben wir ihn nicht austreiben können? Er aber spricht zu ihnen: Wegen eures Unglaubens (Kleinglaubens); denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Hebe dich weg von hier dorthin! und er wird sich hinwegheben. Und nichts wird euch unmöglich sein.

Zunächst eine Anmerkung zu Vers 20: Die meisten Bibelübersetzungen haben an dieser Stelle „Kleinglauben“ (griechisch oligopistia). In den meisten Bibelübersetzungen finden wir an dieser Stelle die Anmerkung, dass mehrere alte Handschriften das Wort Unglauben (apistia) haben. Die CSV Version der Elberfelder Bibel, die auf dem Textes Receptus basiert, hat an dieser Stelle beispielsweise „apistia”, sprich: Unglauben.

Was hat Jesus nun gesagt? Kleinglauben oder Unglauben? Ich schlage mich an dieser Stelle ganz klar auf die Seite des Textus Receptus, sprich: Unglauben. Warum?

Aus zwei Gründen: Zum einen finden wir in Vers 17 schon das zu apistia zugehörige Adjektiv „ungläubig“ (apistos), zum anderen macht “Kleinglaube“ im Lichte des Restes von Vers 20 keinen Sinn.

Warum sollte Jesus gesagt haben „Wegen eures Kleinglaubens“, wenn er anschließend klarstellt, dass die Jünger nur einen Glauben so groß wie ein winziges Senfkorn bräuchten, um einen Berg zu versetzen?

Die Lesart einiger alter Handschriften mit Unglauben (apistia) macht aus meiner Sicht im Licht des ganzen Vers 20 deutlich mehr Sinn.

Jesus macht deutlich: Wegen eures Unglaubens konntet ihr den Sohn nicht heilen. Dabei braucht ihr nur einen Glauben wie ein Senfkorn, um Berge zu versetzen.

An dieser Stelle berühren wir die weitergehende Frage, warum Dinge ausbleiben, obwohl Gott sie will. Darum wird es im nächsten Post gehen. Keine Sorge, der Post dazu ist schon fertig, ihr müsst nicht lange darauf warten, aber für diesen Post möchte ich mich auf ein Thema konzentrieren, auch wenn sie miteinander verbunden sind.

Wir haben also gesehen, dass zunächst der Sohn des Vaters nicht geheilt wurde, obwohl es klar der Wille Gottes war, ihn zu heilen, schließlich heilte Jesus den Sohn am Ende. Da das Thema Glaube im letzten Post in einem Kommentar aufkam, hier noch eine Ergänzung: Jesus ließ sich von keinem evtl. vorhandenen Unglauben beeinflussen, sondern heilte. Ganz im Gegenteil, er schalt eher den Unglauben der Jünger.

Sprich: Der Wille Gottes wäre nicht geschehen, wenn der Vater sich mit dem Resultat der Jünger abgefunden hätte!

Mit dieser Perspektive ein kurzer Blick auf eine andere Geschichte aus Apostelgeschichte Kapitel 3:

Petrus und Johannes kommen an einem Lahmgeborenen vorbei, der sie um Almosen bittet.

Petrus aber sprach: Silber und Gold besitze ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers: Geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sofort aber wurden seine Füße und seine Knöchel stark, er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Apg 3,6-8 (ELB)

Petrus heilt in der Autorität, die Jesus ihnen gegeben hatte, den Jungen.

War es der Wille Gottes, den Lahmgeborenen zu heilen?

Selbstverständlich. Wenn es (rein hypothetisch) nicht so gewesen wäre, hätte der Mann sicher nicht wieder laufen können. Es war also klar der Wille Gottes, dass der Lahmgeborene wieder laufen sollte.

Jetzt aber meine Frage von hinten links:

Wäre der Wille Gottes Wirklichkeit geworden, wären Petrus und Johannes an dem Mann vorbeigegangen?

Meine Antwort ist klar und deutlich: Nein, der Wille Gottes wäre nicht geschehen, wenn Petrus und Johannes an dem Mann vorbeigegangen wären. Genauso wie der Wille Gottes bei dem mondsüchtigen Sohn nicht Wirklichkeit geworden wäre, wenn der Vater des Jungen sich mit dem gescheiterten Heilungsversuch der Jünger abgefunden hätte.

Und genauso glaube ich, dass auch heute oft der Wille Gottes nicht geschieht. Weil wir nicht glauben und darum tun, wozu wir den Auftrag bekommen haben, weil wir nicht segnen, weil wir nicht die gute Nachricht weiter geben, weil wir nicht heilen, weil wir nicht befreien, weil wir nicht reinigen, weil wir nicht Tote auferwecken (vgl. Matthäus 10,7-8).

Dass mich keiner missversteht, auch ich laufe immer noch an Kranken vorbei, ohne Gebet anzubieten, auch ich muntere nicht diejenigen, die sichtlich niedergeschlagen sind, mit Worten des Lebens auf.

Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich vor ein paar Jahren fast jede Woche beim Babyschwimmen begegnet bin. Ich habe ihn gesehen, aber ihn nicht wahrgenommen und wenn, dann war ich entweder in meinen eigenen Gedanken oder mit den anderen Dingen beschäftigt.

Als ich in der nachfolgenden Woche mit meinem Sohn zum Schwimmen kam, waren alle Mitarbeiter geschockt: Der Mann hatte sich das Leben genommen.

War es der Wille Gottes, dass sich der Mensch das Leben nahm? Ganz sicher nicht!

Und ich glaube, dass es an der Stelle auch nicht wirklich weiterhilft, wenn man mit der Allwissenheit Gottes kommt und antwortet: „Aber Gott wusste es vorher!“ Meine Antwort auf solche Einwände ist mittlerweile: Ja, Gott ist allmächtig und allwissend, aber diese Dinge verstehe ich sowieso nur ungenügend. Was maße ich mir an, Gott verstehen zu können? Daher wehre ich mich inzwischen gegen solche Einwände mit theologischen Konzepten, wenn ich sie im Leben Jesu nicht entdecke.

Eins lösen solche Begebenheiten aber nicht bei mir aus. Ich verdamme mich nicht. Denn es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus sind. (Römer 8,1).

Aber es weckt in mir aber eine Sehnsucht danach, dass wir Menschen werden, die den Namen “Christen” verdienen, weil Christus in ihnen wohnt und er in ihnen Gestalt gewinnt, weil wir von der Liebe Christi gedrängt werden (vgl. 2.Kor 5:14) und von uns Ströme des lebendigen Wassers ausgehen, damit viel öfter und viel stärker der Wille Gottes hier auf Erden geschieht.

Die klassischen Vorstellungen von der Souveränität bzw. die einseitige Darstellung, dass alles, was geschieht, der Wille Gottes ist, finde ich so nicht im Neuen Testament und halte sie nicht für hilfreich. Ich finde im NT eher ein Bild vor, in dem Jesus Christus im Konflikt mit einer gegen ihn gerichteten Macht ist. Und darum ist er gekommen: Um die Werke des Teufels zu zerstören.

In der kommenden Woche dann der schon angekündigte Post: Wenn Dinge ausbleiben, obwohl Gott sie will.

Kommentare
  1. Posted by Horst
  2. Posted by Jay
  3. Posted by plassomania

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